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Paul Lendvai "MEIN VERSPIELTES LAND- Ungarn im Umbruch"
Die ökonomische politische Entwicklung Ungarns wird immer wichtiger für
die Entwicklung in ganz Europa. Das Buch Paul Lenvais beinhaltet eine
Fülle von Informationen- auch wenn festzuhalten ist, daß seine Analysen
bzw. Perspektiven nicht sehr weitreichend sind.
Im Ungarn von heute sind die "Teufel der Vergangenheit" voll präsent:
Antisemitismus, Haß auf Romas, Geifer gegen alles was "rot" ist.
Lendvai schildert die Vorgeschichte: auf die kurze ungarische Räterepublik
folgte das Horthy-Regime, das "nationale Trauma" von Trianon- wobei m.E.
die "Herrenrolle" Ungarns anderen Nationen gegenüber ( etwa den
SlowakInnen) bei Lendvai gegenüber viel zu kurz kommt; die Kollabarotaion
mit Nazideutschland, die Pfeilkreuzlerherrschaft.
Der Holocaust trifft die ungarischen Juden und JüdInnen voll. Innerhalb
kürzester Zeit werden Hundertausende in die Todeslager transportiert.
Viele UngarInnen machen dabei aktiv mit.
Nach 1945 breitet die stalinistische Diktatur großteils einen Mantel des
Schweigens über den Horror. Die "Wende" 1989 bringt außer politischen
Freiheiten nicht das gelobte Land, sondern bloß die profane
EU-Wirklichkeit. Den diversen Regierungen (angefangen mit Antall) gelingt
es nicht, das Land auf eine stabile ökonische Entwicklungsbasis zu
stellen. Massenhafte Armut hat in Ungarn bis zum heutigen Tag ein
erschreckendes Ausmaß. Der neoliberale Kurs des "Sozialdemokraten"
Gyurcsany, die Korruption seiner Regierung, die massenhafte
Unzufriedenheit beschert Orban auf der Basis einer beispielhaften
Hetzkampgne 2010 die absolute Mehrheit und der extrem rechten Jobbik
satte 17 Prozent.
Besonders interessant sind die Schilderungen Lendvais über die gewendeten
Reformkommunisten. Ohne jegliche eigene gesamtgesellschaftliche
Vorstellungen übernehmen sie westlichen Konzepte, orientieren sich an Tony
Blair &Co.
Für Lendvai stellt das jedoch kein Manko dar! Im Gegenteil: für ihn gab
es wegen "kollektiver Realitätsverweigerung" (S.207) zu wenig "Reformen",
also Sozialabbau (etwa im Gesunheitsbereich). Gyurcsany wird gar zum
"Strahlemann " (S.212) hochgejubelt.
Das ist nicht das einzige anlytische Defizit des Buchs.
- eine tiefere Auseinandersetzung mit DEM Knackpunkt der ungarischen
Nachkriegsgeschichte, dem Volksaufstand von 1956, unterbleibt (1).
- an etliche (Kardinal)fragen wird rein personalistisch herangegangen. Wo
eine umfassende soziologische, ökonomische oder politische Anylyse
notwendig wäre, taucht als "Erklärung" plötzlich ein Bonmot/ Aphorismus
auf- z.B. wird bei der Bewertung Antalls Jacob Burckardt
("Weltgeschichtliche Betrachtunge") bemüht (S.62).
- Lendvai fehlt einen klarer, differenzierter Begrfiff von "links".
Demzufolge kann er sich keine gesellschaftliche Alternative vorstellen.
So scharf und gut er mit den Rechtsxetremen und dem oft mit ihnen
verbandelten "christlichen" Orban und dessen Fidesz abrechnet, ökonomische
setzt er genau auf die neoklassischen Konzepte (der Sozialdemokraten und
Liberalen), die international und in Ungarn die "Unzufriedennen"- mangels
einer fortschrittlichen Alternative- in die Hände der Rattenfänger der
politischen Rechten treiben.
Realiter vertraut er insbesonders auf auf die EU, auf Deutschland und
Österreich - deren beider Imperialismus er verschämt "die am Donauraum...
interessierten Staaten" nennt(S.227f).
Was Ungarn wie einen Bissen Brot braucht ist eine neue, klar
antistalinistische und antikapitalistische Linke. Von all dem wird man
bei Lendvai nichts finden. Aber als Info-Quelle- inklusive seinem
Insider-Wissen- ist das Buch von Nutzen.
1) Eine fundierte Auseinandersetzung mit 1956 bietet hingegen György
Dalos. Der Aufstand der Ungarn. Verlag C.H.Beck, München 2006 247 Seiten
Hermann Dworczak
Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch.
Ecowin Verlag, Salzbug 2010.
233 Seiten. 23,60 Euros
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